Was uns die MECSPE 2026 über den aktuellen Stand von ERP, MES und KI gelehrt hat

Beim Gang durch die riesigen Hallen der MECSPE 2026 in Bologna wird die physische Präsenz der italienischen Fertigungsindustrie unübersehbar. Zwischen dem gleichmäßigen Summen der automatisierten Hochregallager und den ausgestellten schweren Maschinen zeichnet sich eine klare Botschaft ab: Der Fertigungssektor treibt die digitale Integration aktiv voran, um seine Wettbewerbsfähigkeit auf einem komplexen globalen Markt zu sichern.

Als Unternehmensberater lag mein Hauptaugenmerk jedoch nicht nur auf der Hardware. Gemeinsam mit Alessandro Rappini verbrachten wir Zeit in den Softwarehallen und warfen einen Blick hinter die Kulissen der Systeme, die diese Maschinen tatsächlich betreiben. Wir wollten sehen, wie die Softwarebranche auf den enormen Hype um Künstliche Intelligenz reagiert.

Wir besuchten die Stände globaler Player wie Inforsowie starker nationaler und europäischer Schwergewichte wie Zucchetti, TeamSystemund CentroSoftware. Das Wort „KI“ prangte auf fast jedem Banner.

Bei genauerer Betrachtung des eigentlichen Codes und der Arbeitsabläufe offenbarte sich jedoch eine ganz andere, weitaus differenziertere Realität.

Die Monolithen und die Chatbot-Fata Morgana

Wenn man sich die großen ERP- und MES-Anbieter von heute ansieht, ist der Drang nach KI zwar lautstark, aber mechanisch vorsichtig.

Bei vielen älteren, monolithischen Softwarelösungen beschränkte sich die umfassende „KI-Integration“ letztlich auf einen Chatbot, der an das ERP-Dashboard angehängt wurde. Diese Tools sind zwar nützlich für grundlegende Datenabfragen, wie die Überprüfung des Lagerbestands einer bestimmten Komponente oder den Abruf des offenen Saldos eines Lieferanten. Im Wesentlichen handelt es sich jedoch um erweiterte, schreibgeschützte Abfragen, die in eine natürliche Sprachschnittstelle eingebettet sind und vollständig auf menschliche Eingaben angewiesen sind, anstatt selbstständig Aktionen auszuführen.

Diese Vorsicht ist aus Sicht der Unternehmensarchitektur absolut berechtigt. Wie ich bereits geschrieben, kann man nicht einfach zulassen, dass ein unkontrollierter Algorithmus die zentralen Finanzdaten überschreibt oder eine komplexe Stückliste verändert. Die großen Unternehmen gehen mit Bedacht vor, weil ihre Kunden absolute Stabilität und Compliance fordern.

Doch ein Chatbot, der die aktuellen Lagerbestände eines Artikels abruft oder den Kontostand eines Lieferanten zusammenfasst, ist noch sehr weit entfernt von der autonomen, agentenbasierten Ausführung, die uns für 2026 versprochen wurde.

Die Startup-Sandbox: Wo ein Hauch der nächsten KI-Implementierung entsteht

Während die Branchenriesen vorsichtig agieren, betrachtet die Startup-Szene KI als grundlegende Technologie und nicht als bloße Ergänzung. Hier konnte ich das wahre Potenzial großer Sprachmodelle in der industriellen Logistik erkennen.

Ein perfektes Beispiel dafür war der Stand von Quindi (einem Startup, das mit seiner Arbeit für Unternehmen wie Bianchi für Furore sorgt). Ihr System wendet LLMs direkt auf die prädiktive Mechanik an und entlastet so aktiv den Produktionsplaner vom Albtraum der MES-Umplanung.

Ihre Vorführung war in ihrer Einfachheit genial. Sie bauten eine LED-Wand mit genau zwei Knöpfen auf.

Ein Knopfdruck simuliert eine Produktionsstörung in Echtzeit. Der zweite Knopfdruck veranlasst die KI, die neuen Einschränkungen sofort zu analysieren und einen neu berechneten, gewinnoptimierten Produktionsplan vorzuschlagen.

Hier verliert die Technologie ihren Status als bloßes Spiel und generiert einen tatsächlichen Return on Investment. Andere agile Softwarehäuser präsentierten ähnliche Innovationen, indem sie KI einsetzten, um BPM-ähnliche Workflows schnell und ad hoc zu erstellen und spezifische Datenerfassungssitzungen direkt in der Managementsoftware durchzuführen.

Da Startups weniger technische Schulden und weniger Altlasten haben, sind sie derzeit Vorreiter bei der praktischen Anwendung von KI.

Die Realität des Werkzeugs im Vergleich zum Produkt

Mein wichtigster persönlicher Erkenntnisgewinn aus der MECSPE 2026 ist die realistische Einschätzung der Zeitpläne.

Im Softwarebereich betrachtet die Branche KI eher als leistungsstarkes Werkzeug für Entwickler denn als fertiges Produkt für Endnutzer. Wenn ein Unternehmen heute eine KI-Lösung erwirbt, kauft es im Wesentlichen die grundlegende LLM-Funktionalität. Zudem geben Anbieter selten genau an, welches zugrundeliegende Modell sie verwenden: Handelt es sich um ein amerikanisches, europäisches oder chinesisches LLM-Modell oder um ein intern entwickeltes und trainiertes? Läuft es in der Cloud? Und wenn ja, wo genau werden die Daten gespeichert? Ich halte diese fehlende Information für äußerst kritisch, insbesondere im Hinblick auf firmeneigene Daten. Sobald diese Drittanbieter-Funktionalität erworben ist, müssen Anbieter und Kunde gemeinsam den spezifischen Workflow entwickeln.

Dies verdeutlicht eine grundlegende Wahrheit über unsere Branche: Unternehmensprozesse entwickeln sich einfach nicht so schnell wie Software.

Wir hören ständig, dass 2026 das „Jahr der Agenten“ sein wird. Doch wenn die Realität für die meisten Unternehmen immer noch ein einfacher Chatbot ist, der in ein Dashboard integriert ist, müssen wir zugeben, dass wir – zumindest in unserer Branche – noch weit von einer wirklich automatisierten Agentenabwicklung entfernt sind. Die Technologie mag zwar bereit sein, aber die Datenverwaltung und die menschlichen Prozesse hinken um Jahre hinterher.

 

Der sofortige Gewinn: Visuelle Vereinfachung

Wenn autonome Agenten also noch Zukunftsmusik sind, worauf konzentrieren sich ERP-Anwender heute unmittelbar? Die Antwort, die ich auf der MECSPE einhellig hörte, war Vereinfachung.

Alle Anbieter, ob groß oder klein, arbeiten aktiv daran, die Anzahl der Klicks für die Erledigung einer Aufgabe zu reduzieren. Der Fokus hat sich deutlich auf visuelle Darstellungen und handlungsrelevante Daten verlagert, vor allem durch intelligente Widgets.

Nutzer müssen den Zustand ihrer Lieferkette auf einen Blick erfassen können. Sie benötigen direkt auf ihren Startbildschirmen aussagekräftige Schaltflächen

Genau diese Philosophie verfolgen wir mit unseren P2-i Widgets für Infor LN. Bevor Sie einer KI die Steuerung Ihrer Fabrik anvertrauen können, müssen Ihre Mitarbeiter klare, unmittelbare und visuelle Kontrolle über ihre ERP-Daten haben. Die Vereinfachung der Benutzeroberfläche ist der unerlässliche erste Schritt hin zur zukünftigen Automatisierung.

Umsetzbare Erkenntnisse für Unternehmensleiter

Wenn Sie als CEO oder IT-Leiter den aktuellen KI-Hype bewältigen müssen, sollten Sie sich jetzt auf Folgendes konzentrieren:

  1. Lassen Sie sich nicht vom Chatbot blenden: Bei der Bewertung eines ERP-Updates sollten Sie sich nicht von Chatbots ablenken lassen. Fragen Sie den Anbieter, wie seine KI dynamische Umplanungen, Anomalieerkennung oder komplexe Workflow-Automatisierung handhabt.
  2. Vermeiden Sie die Anbieterfixierung: Setzen Sie nicht blind auf ein einziges Software-Ökosystem. Konzentrieren Sie sich stattdessen darauf, dass Ihre Kernsoftware über die modernen Tools und die Architektur verfügt, die für die nahtlose Integration spezialisierter Branchen erforderlich sind (wie beispielsweise Infors API-First-Ansatz mit Infor OS und dem ION-Integrationsnetzwerk). Wenn Ihr monolithisches ERP-System zu langsam agiert, sollten Sie agile Integrationsmethoden in Betracht ziehen. Innovative Tools von aufstrebenden Startups zeigen, dass Sie intelligente, prädiktive Modelle erfolgreich auf Ihre bestehenden Ausführungssysteme aufsetzen können.
  3. Bereinigen Sie zuerst Ihre Daten: Keines dieser fortschrittlichen Planungstools funktioniert, wenn Ihre Altdaten fehlerhaft sind. Eine KI kann eine Produktionshalle nicht optimieren, wenn die Durchlaufzeiten in Ihrem System seit 2018 nicht aktualisiert wurden.
  4. Investieren Sie jetzt in Visualisierung: Bevor Sie auf autonome Systeme setzen, investieren Sie in die Vereinfachung der Benutzeroberfläche. Implementieren Sie Widgets und Dashboards, die die Anzahl der Klicks für Ihre Mitarbeiter reduzieren. Wenn Ihre Mitarbeiter die Daten nicht leicht erfassen können, wird Ihnen auch keine KI weiterhelfen.

Der Weg vor uns

Die MECSPE 2026 hat gezeigt, dass die Industrie nach Innovationen hungert. Sie hat aber auch gezeigt, dass wir unsere Erwartungen dämpfen müssen. Künstliche Intelligenz ist zweifellos die Zukunft der Unternehmen, doch sie wird durch sorgfältige, kollaborative Entwicklung entstehen, nicht durch Zauberei.

Verfasst von Andrea Guaccio 

9. März 2026